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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Besuch der Vietnamesisch-Deutschen Universität (VGU) am 24. Januar 2024 in Binh Duong

Zwei Studierende der Deutsch-Vietnamesischen Universität sitzen im Publikum und hören der Rede des Bundespräsidenten zu/ Hai sinh viên trường Đại học Việt Đức lắng nghe bài phát biểu của Tổng thống Đức

Zwei Studierende der Deutsch-Vietnamesischen Universität sitzen im Publikum und hören der Rede des Bundespräsidenten zu/ Hai sinh viên trường Đại học Việt Đức lắng nghe bài phát biểu của Tổng thống Đức, © Bundesregierung/Guido Bergmann

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Wir sind heute Vormittag von Hanoi nach Ho-Chi-Minh-Stadt geflogen. Das sind nur gute zwei Stunden Flugzeit, und ich habe trotzdem das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Ich bedauere es nämlich, dass die Zeit nicht ausreicht hat für eine Fahrt mit dem Wiedervereinigungsexpress, dass uns auf diese Weise ein Besuch in Huế und Da Nang entgangen sind, dass wir den Wolkenpass nur von oben gesehen haben. Ich habe mir erzählen lassen, der Zug der Aussöhnung schlängelt sich 1.700 km von Nord- nach Südvietnam, schmiegt sich eng an das Südchinesische Meer. Anderthalb Tage, so habe ich gehört, dauert die Reise quer durch das Land, auf der sich Landschaften, Kulturen und Klimazonen abwechseln. Der Wiedervereinigungsexpress verbindet das Land seit fast einem halben Jahrhundert. Er ist ein Symbol für die Geschichte Vietnams. Schade, dass wir auf Präsidentenreisen dafür nicht genug Zeit haben – aber, ich bin mir sicher, der ein oder andere von Ihnen hat uns diese Erfahrung voraus. Und darum beneiden wir sie ein wenig.

Das Vietnam von heute ist eine faszinierende Mischung aus Tradition und Moderne. Nach wie vor begeistert das Wasserpuppentheater die Menschen im Land, die frühmorgendlichen Tai-Chi-Übungen der Alten am Schildkrötensee gehören zum Stadtbild Hanois, und zugleich brennen gerade die jungen Vietnamesinnen und Vietnamesen für alles, was fortschrittlich ist und mit Digitalisierung zu tun hat, für TikTok-Trends und den Youtube-Kosmos. Vietnam ist ein Land für Pioniere, für Neuanfänger.

The Dung, ein vietnamesischer Dichter in Berlin, hat das Motto Ihres Landes auf den Punkt gebracht: „Leben heißt immer neues Entstehen, unaufhörlich, allen Schmerzen zum Trotz.“ Und ich kann ihm da nur zustimmen. Ich war schon einige Male hier, und ich finde: Man kann diesem Land förmlich beim täglichen Neuentstehen zuschauen.

Für uns Deutsche ist Vietnam ein Anker in der Region, und wir haben großes Interesse an einem engen Austausch. Davon zeugt auch die beeindruckende Anzahl gegenseitiger Besuche und Treffen innerhalb der letzten anderthalb Jahre: Der vietnamesische Außenminister war im Herbst 2022 in Berlin, der deutsche Bundeskanzler kurz darauf in Hanoi, Ministerpräsidenten waren hier, wir hoffen auch auf einen baldigen Besuch von Premierminister Chinh in Deutschland, vielleicht aus Anlass des fünfzigsten Jahrestages der bilateralen Beziehungen im Jahr 2025.

Knapp 10.000 Kilometer trennen unsere beiden Länder. Aber es ist viel mehr als eine Fernbeziehung. Gerade in einer Zeit internationaler Krisen rücken die näher zusammen, die sich gemeinsam der Achtung des Völkerrechts, dem freien Handel und der Sicherheit von Lieferketten verpflichtet fühlen. Dazu gehören Deutschland und Vietnam, dazu gehören die Europäische Union und ASEAN.

Deutschland und Vietnam sind beides Exportnationen, und deshalb stehen wir vor ähnlichen Herausforderungen. Vieles von dem, was vor zehn, zwanzig Jahren noch ganz sicher schien, steht mittlerweile in Frage. Das will ich an drei Punkten deutlich machen.

Erstens: Die Rolle der Welthandelsorganisation hat sich verändert. Vietnams Eintritt in die WTO im Januar 2007 wurde hier groß gefeiert. Heute aber steht diese WTO sinnbildlich für multilaterale Institutionen, die in der Krise stecken, weil sich die Weltgemeinschaft immer schwerer tut, in entscheidenden Fragen der Globalisierung und beim fairen Ausgleich der Interessen ihrer Mitglieder einen gemeinsamen Nenner zu finden. Ich bin überzeugt: Vietnam und Deutschland, die so stark von einem offenen Welthandelssystem profitieren, tun gut daran, die Reform der WTO voranzutreiben und rund um die Welt zu werben für mehr Vernetzung, freien Handel und Offenheit.

Die zweite Herausforderung ist zweifelsohne die Konkurrenz zwischen den Großmächten USA und China. Klar ist, dass es weder ohne die USA noch ohne China geht. Entscheidend wird sein, dass die Zukunft nicht von diesem Großmachtkonflikt dominiert, sondern dass diese Zukunft dominiert wird von fairen Regeln und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Dazu können und dazu müssen auch wir, als selbstbewusste Partner, als „Mittelmächte“, wie Deutschland und Vietnam manchmal genannt werden, unseren Teil beitragen. Einerseits sollten gerade wir die gemeinsame Ordnung der Welt, Recht und Regeln stärken, wo wir können. Und andererseits sollten wir selbst uns klug aufstellen: Wir müssen unsere bestehenden Partnerschaften stärken und neue aufbauen, vor allen Dingen wenn wir einseitige Abhängigkeiten vermeiden wollen. Wir müssen unsere politischen Beziehungen genauso diversifizieren wie unsere Lieferketten. Das, was wir De-Risking nennen, bedeutet also nicht: sich wegducken, sondern: sich breiter und sicherer aufzustellen. Es bedeutet, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Mein Eindruck ist: Diese Weisheit hat man hier in Südostasien nicht nur verstanden, sondern besonders verinnerlicht.

Eine dritte Veränderung, vor der wir gemeinsam stehen, ist ein beunruhigender Trend, den wir in vielen Staaten der Welt beobachten, auch im sogenannten „Westen“: der Trend zu Protektionismus und nationalen Alleingängen. Ich finde, wir, Vietnam und Deutschland, sind ein gutes Beispiel, dass das Gegenteil von Protektionismus und Abschottung zum Erfolg führt. Wir setzen auf Vernetzung statt auf Abschottung. Wir setzen auf mehr Zusammenarbeit statt auf weniger. Und wo das im globalen Maßstab nicht möglich ist, da sollten wir es regional umso mehr tun. Das Freihandelsabkommen der Europäischen Union mit Vietnam ist auch dafür ein ermutigendes Zeichen. Und auch die ASEAN-Gemeinschaft steht beispielhaft für diesen regionalen Ansatz: ein selbstbewusster Zusammenschluss von Staaten mit dem Anspruch, wirtschaftliche, regionale und sicherheitspolitische Herausforderungen in eigener Verantwortung zu meistern. Wir haben Respekt vor dem wichtigen Prinzip der „ASEAN Centrality“. Und auch vor dem Willen, sich in Zeiten der geopolitischen Polarisierung nicht von einem Lager vereinnahmen zu lassen. Ich selbst messe der ASEAN-Gemeinschaft große Bedeutung bei. Dies ist bereits meine dritte Reise in ASEAN-Staaten in den vergangenen anderthalb Jahren – heute Abend reise ich nach Thailand weiter, ebenfalls ein ASEAN-Land.

Innerhalb der ASEAN-Gemeinschaft spielt Vietnam eine besonders wichtige Rolle. Vietnam ist aber auch in den Vereinten Nationen sehr aktiv und bekennt sich klar zu Multilateralismus und einer regelbasierten internationalen Ordnung. Wir Deutsche unterstützen das internationale Engagement Ihres aufstrebenden Landes. Dass Vietnam von 2023 bis 2025 Mitglied des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen ist, das wollen wir verstehen wir Bekenntnis zur Entwicklung von Zivilgesellschaft und Einhaltung der Menschenrechte. Natürlich: Unsere politischen und gesellschaftlichen Systeme sind nicht identisch, und neben dem, was Vietnam und Deutschland verbindet, gibt es auch einiges, das anders ist, das uns bei der Zusammenarbeit noch im Wege steht oder das uns – etwa beim Thema Presse- und Meinungsfreiheit – auch Sorgen macht. Auch all diese Themen spielten bei meinen Gesprächen gestern in Hanoi mit der politischen Führung dieses Landes eine Rolle, und ich finde: Dass wir diese Fragen in gegenseitigem Respekt thematisieren können, das zeigt doch eigentlich, wie stark unsere Partnerschaft tatsächlich ist.

Im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit haben wir viele ähnliche Interessen: Kooperationen etwa im Bereich Infrastruktur, bei der Transformation von einer Agrar- zu einer Industrienation, Unterstützung beim ökologischen Umbau der vietnamesischen Energieversorgung. Neben der internationalen Just-Energy-Transition-Partnerschaft werden wir Vietnam auch bilateral dabei unterstützen, diese schwierige Aufgabe – und wir wissen, wie schwierig die Energiewende ist, aus eigener Erfahrung - zu bewältigen.

Für uns ist der Maßstab für eine verlässliche Partnerschaft und gegenseitiges Vertrauen das Einhalten von gemeinsamen Regeln. Das gilt auch im Bereich der Sicherheitspolitik.

Deutschland tritt wie Vietnam für die Geltung und Durchsetzung des Seerechtsübereinkommens UNCLOS im südchinesischen Meer ein. Wir setzen uns ein für eine regelbasierte, verlässliche Ordnung. Aber wir wünschen uns diese Rückendeckung auch, wenn in anderen Weltregionen Regeln eklatant verletzt werden – zum Beispiel, wenn es um Russlands völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine geht. Wenn so ein eklatanter Rechtsbruch einfach hingenommen würde, ja wenn er sich für den Angreifer sogar auszahlen würde, dann wäre das ein faslches, ein fatales Signal nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt – und auch für Asien. Das sollten wir bei unseren Gesprächen, die wir über die internationale Sicherheitsordnung hatten und weiter haben werden immer wieder berücksichtigen.

Ich sprach heute viel von unserer Partnerschaft – aber am Ende steht nichts so sehr dafür wie die Menschen, die unsere Länder verbinden. Die Geschichte und die vielen Geschichten vietnamesisch-deutscher Migration, das sind die Lebensadern unserer Partnerschaft. Es sind diese Menschen, die den engen deutsch-vietnamesischen Beziehungen ein Gesicht geben. Und das bereits seit fast fünfzig Jahren!

Es sind diese Beziehungen, auf die wir bauen und bauen wollen, auch dann wenn wir hier Fachkräfte aus Vietnam in unser Land einladen. Mehr als 200.000 Viet Kieu leben bereits in Deutschland. Und wer weiß, vielleicht ist unter Ihnen ja ebenfalls der eine oder die andere, die eines Tages nach Deutschland kommen wollen. Falls Sie mit dem Gedanken spielen, sind Sie hier an der Vietnamesisch-Deutschen Universität genau richtig. Sie ist ein Leuchtturmprojekt unserer engen Verbindung. Und ich danke allen, die dieses Projekt mit Leben füllen. Allen voran natürlich Ihnen, lieber Professor Thiele. Sie sind in wenigen Tagen offiziell Präsident der VGU, und ich bin sicher, Sie werden diese Aufgabe mit aller Leidenschaft ausfüllen. Ich wünsche Ihnen dafür alles Gute und viel Erfolg!

Sie wissen es: Der Wiedervereinigungsexpress wurde einst aufgrund seiner Fahrtroute von Nord nach Süd entlang der Küste auch „Rückgrat des Landes“ genannt. Auch deswegen, weil er die beiden nun vereinigten Teile Vietnams miteinander auf sinnbildliche Weise verband.

Ich glaube, das Rückgrat des Landes sind heute die Menschen. Insbesondere die jungen Menschen, wie Sie. Ihnen gehört die Zukunft, Ihnen gehört die Zukunft dieses Landes!

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